Teil III: Bauphase
1. Auswahl von Ausstattungen und Sonderwünschen
In den meisten Neubauprojekten in der Schweiz erhalten Käufer die Möglichkeit, bestimmte Innenausstattungen auszuwählen, etwa Bodenbeläge, Küche, Sanitärapparate und teilweise Beleuchtung oder Wandfarben. Dies ist oft einer der wenigen Momente im Bauprozess, in dem der Käufer aktiv eingebunden ist.
Der Ablauf kann jedoch schnell und stressig sein, insbesondere wenn unklar ist, was im Standard enthalten ist, wie Upgrades gehandhabt werden oder wie man den Überblick über Vereinbartes behält. Dieser Abschnitt erklärt, was Sie erwarten können und wie Sie den Prozess reibungslos meistern.
1.1 Wann und wie Käufer zur Auswahl aufgefordert werden
Sobald der Rohbau weit fortgeschritten ist, typischerweise nach der Phase Rohbau / gros oeuvre, nimmt der Entwickler oder ein beauftragter Innenausbaukoordinator Kontakt mit den Käufern auf, um den Auswahlprozess zu starten. Dies geschieht in der Regel 6 bis 12 Monate vor der Übergabe.
Dazu werden Sie zu einer Reihe von Showroom-Terminen eingeladen, abhängig von den beteiligten Lieferanten in Ihrer Region:
- Parkett- oder Bodenbelag-Showroom (z. B. Schweizer Parkettlieferant)
- Plattenausstellung (für Bad-/Reduitfliesen sowie Wand- und Bodenplatten in der Küche)
- Küchenstudio (Layout, Fronten, Geräte, Arbeitsplatten)
- Teilweise ein separater Sanitär-Showroom (Armaturen, WCs, Duschtrennwände)
Diese Showrooms befinden sich oft an unterschiedlichen Standorten, manchmal sogar in einem anderen Kanton als das Bauobjekt. Planen Sie genügend Zeit für mehrere Termine über einige Wochen ein.
Bei diesen Terminen:
- wählen Sie Materialien und Farben für die einzelnen Bereiche der Wohnung
- prüfen Sie die Standardoptionen innerhalb Ihres Vertragsbudgets
- sehen Sie Upgrade-Varianten, die Mehrkosten auslösen
- unterschreiben Sie ein Auswahlprotokoll
Manche Entwickler vereinfachen den Prozess durch vordefinierte Designlinien (meist drei), etwa “Classic”, “Modern” oder “Urban Chic”. Diese enthalten abgestimmte Optionen für Fliesen, Böden, Küchenfronten und Sanitärausstattung. Das reduziert Ausführungsfehler und erleichtert die Entscheidung.
1.2 Standardbudgets vs. Aufpreise
Die meisten Entwickler definieren ein Basisbudget pro Kategorie. Wenn Ihre Auswahl teurer ist, zahlen Sie die Differenz privat, meist über eine separate Rechnung des Lieferanten oder Bauleiters.
Beispiele:
- Küchenbudget CHF 15’000
→ Upgrade auf CHF 20’000 = CHF 5’000 Aufpreis - Fliesenbudget CHF 90/m²
→ Wahl von CHF 120/m² Fliesen = CHF 30/m² Aufpreis
Aufpreise müssen klar dokumentiert sein. Sie können in der Regel schriftliche Offerten oder detaillierte Kostenzusammenstellungen im Voraus verlangen.
1.3 Sonderwünsche und Layoutänderungen
Neben Materialwahlen wünschen viele Käufer auch kleinere Anpassungen, doch diese sind nur möglich, wenn sie frühzeitig angemeldet werden, und sie sind fast immer kostenpflichtig.
Typische Beispiele:
- Wandfliesen raumhoch im Bad statt Standard halbhoch
→ Das Bauunternehmen führt dies aus und stellt einen Aufpreis in Rechnung. - Steckdosen, Lichtauslässe oder Schalter versetzen oder zusätzliche Anschlüsse bestellen
→ Muss vor Beginn des Innenausbaus beantragt und vom Baustellenelektriker freigegeben werden. - Austausch Dusche gegen Badewanne oder umgekehrt
→ Teilweise möglich, kann aber Sanitärlayout und Preis beeinflussen.
Alle Änderungen laufen über den Entwickler oder den eingesetzten Bauleiter. Direkter Kontakt mit Subunternehmern ist in der Regel nicht vorgesehen.
Bestätigen Sie Änderungen immer schriftlich und bewahren Sie Kopien aller Genehmigungen und Bestellungen auf, insbesondere bei Grundriss- oder Elektroplänen.
Grössere Anpassungen, z. B. Räume zusammenlegen oder eine Sonderküche planen, sind nur in der frühen Bauphase möglich und mit hohen Zusatzkosten verbunden. Sie können zudem den STWE-Anteil beeinflussen oder die Übergabe verzögern.
1.4 Vor-Ort-Bestätigung vor Einbau
Vor dem Einbau der Innenausstattung werden Käufer meist zu einem Baustellenrundgang mit den beteiligten Unternehmen eingeladen. Das geschieht häufig kurz vor dem Verlegen von Fliesen und Parkett.
Dabei bestätigen Sie typischerweise:
- die Verlegerichtung und das Muster des Parketts, z. B. parallel zum Lichteinfall, diagonal oder Fischgrät
- welche Fliesen wo verlegt werden, etwa wenn Sie unterschiedliche Fliesen für Bad und WC gewählt haben
- die Ausrichtung des Fliesenbilds und die Verlegehöhe, z. B. raumhoch oder teilweise gefliest im Bad
Damit wird sichergestellt, dass Ihre Wünsche korrekt verstanden wurden, bevor irreversible Arbeiten beginnen.
1.5 Dokumentation der getroffenen Entscheidungen
Vereinbarungen aus Showroom-Terminen oder E-Mails können im Verlauf der Monate leicht verloren gehen, vergessen werden oder missverstanden werden.
Um Streit zu vermeiden:
- machen Sie Notizen und Fotos von allen gewählten Optionen, sowohl Standard als auch Upgrades
- verlangen Sie nach jedem Termin ein unterzeichnetes Auswahlprotokoll
- bewahren Sie alle Offerten, Bestätigungen und E-Mails als PDF oder Ausdruck auf
- falls ein Kundenportal existiert, prüfen Sie dort, ob Ihre Auswahl korrekt erfasst wurde
Fotografieren Sie Showroom-Etiketten oder Prospekte mit Marke, Modell und Farbcode. Das ist besonders hilfreich bei Fliesen, Armaturen und Geräten.
1.6 Häufige Stolpersteine und Tipps
- Zerstreuter Ablauf: 3 bis 4 verschiedene Showrooms, alle von unterschiedlichen Lieferanten geführt
- Unflexible Terminplanung: enge Zeitfenster und kurze Entscheidungsfristen
- Upgrade-Druck: Standardoptionen wirken oft bewusst weniger attraktiv als Aufpreisvarianten
- Überraschungen bei der Übergabe: ohne saubere Dokumentation sind fehlende Upgrades oder falsche Ausführungen schwer nachweisbar
Wählen Sie besonders sorgfältig bei Küchenfronten und Fliesen. Diese später zu ändern ist teuer. Geräte lassen sich oft einfacher nachträglich ersetzen.
1.7 Praktische Hinweise zu Ausstattungen
Parkett
Bei den meisten Neubauwohnungen in der Schweiz ist der Standardboden Mehrschichtparkett und nicht Massivholz. Das ist kein Qualitätsabstrich: Mehrschichtparkett besitzt eine echte Edelholz-Nutzschicht, liegt aber auf einem stabilen Träger aus Sperrholz oder HDF. Es eignet sich besser für moderne Gebäude, insbesondere mit Fussbodenheizung, und verzieht sich deutlich weniger.
-
Verlegearten
- Schwimmend verlegt: günstiger und schneller. Die Dielen klicken ineinander und liegen auf einer Unterlage. Kann etwas hohl klingen und sich unter schweren Möbeln minimal bewegen.
- Klebeparkett: massiver und leiser. Besonders geeignet für offene Wohnbereiche und Küchen. Erfordert jedoch einen perfekt vorbereiteten Untergrund, weil Fehler dauerhaft bleiben.
-
Oberflächenbehandlung
- Geölt: natürliche Optik, warmes Gefühl, lokale Kratzer einfacher reparierbar, aber regelmässiger Unterhalt.
- Lackiert / versiegelt: fleckenresistenter und einfacher zu reinigen, Kratzer lassen sich jedoch schwerer unsichtbar ausbessern.
-
Holzarten
- Eiche: mit Abstand die häufigste Holzart in der Schweiz, robust und vielseitig.
- Nussbaum: dunkler und elegant, aber weicher.
- Buche / Ahorn: helle Töne, aber empfindlicher gegenüber Feuchtigkeit. Eiche lässt sich oft so behandeln, dass ähnliche helle Farben erreicht werden, bei besserer Dauerhaftigkeit.
Fliesen
Bei Fliesen geht es im Gegensatz zu Parkett weniger um die Konstruktion als um die Eignung für den jeweiligen Einsatzbereich.
-
Materialarten
- Feinsteinzeug: der Standard in Schweizer Neubauten. Dicht, hart und kaum porös, daher ideal für Bad, Küche und Aussenbereiche. Meist die sicherste Wahl.
- Keramische Wandplatten / Faïence: günstiger, leichter und einfacher zu schneiden. Geeignet für Wände, aber weniger robust auf stark beanspruchten Böden.
- Naturstein (Granit, Marmor, Schiefer): hochwertig, aber teuer. Benötigt Imprägnierung und laufenden Unterhalt. Unbehandelt anfällig für Flecken und Kratzer.
- Zementfliesen / Terrazzo: dekorativ und trendig, oft mit Muster oder gesprenkelter Optik. Höherer Unterhalt, weil porös und versiegelungspflichtig.
- Mosaikfliesen: sehr kleine Fliesen, häufig 2×2 cm oder 5×5 cm auf Netzmatten. Beliebt in Duschen und auf Nasszellenböden, weil die vielen Fugen Grip bieten und Gefälle zum Ablauf erleichtern.
-
Rutschfestigkeit
Fliesen haben eine R-Klassifizierung (DIN) von R9 bis R13.- Badezimmer: R10 ist ein guter Mindestwert.
- Terrasse oder Balkon: mindestens R11 für nasse Bedingungen.
Rutschfestigkeitsanforderungen für keramische Platten von SABAG
-
Oberfläche
- Matte Fliesen: sicherer im Bad, zeigen Wasserflecken und Schmutz weniger stark.
- Glänzende Fliesen: elegante Optik, aber rutschiger und jeder Tropfen ist sichtbar.
- Strukturierte Fliesen: gute Trittsicherheit, aber schwieriger zu reinigen.
-
Farbe und Format
- Grossformate (60×60 cm oder mehr) sind beliebt, benötigen aber einen sehr ebenen Untergrund, um Überzähne zu vermeiden.
- Helle Farben lassen kleine Räume grösser wirken, zeigen aber Schmutz schneller.
- Dunkle Farben wirken elegant, heben aber Staub, Kalk und Kratzer hervor.
-
Unterhalt
- Feinsteinzeug: nahezu wartungsfrei.
- Naturstein: muss alle paar Jahre neu imprägniert werden.
- Raue Oberflächen: sammeln Schmutz und sind aufwendig zu reinigen.
Für Langlebigkeit ist mattes Feinsteinzeug in Bad und Küche meist die beste Wahl. Glänzende Fliesen oder Naturstein können sehr attraktiv wirken, benötigen aber mehr Unterhalt und sind teilweise rutschiger.
Küche
Die Küche ist einer der teuersten und sichtbarsten Teile einer Neubauwohnung und zugleich der Bereich mit dem grössten Upgrade-Druck. Standardbudgets decken oft nur Basismaterialien, deshalb lohnt es sich zu wissen, wo ein Mehrpreis wirklich einen Unterschied macht.
-
Arbeitsplatten
- Kunststein / Quarzkomposit (z. B. Silestone, Caesarstone): häufige Standardlösung im Neubau. Robust, hitze- und kratzbeständig, viele Farben. Eine starke Wahl im mittleren Segment.
- Naturstein (Granit, Marmor): elegant mit individueller Zeichnung. Granit ist langlebig; Marmor wirkt luxuriös, ist aber flecken- und kratzempfindlich und bei starker Nutzung weniger geeignet.
- Keramik / Dekton: extrem hart, hitzebeständig, nicht porös und sehr kratzfest. Premiumoption, oft ausserhalb des Standardbudgets.
- Edelstahl: aus professionellen und hochwertigen Küchen bekannt. Hygienisch, hitzebeständig und langlebig.
- Edelstahlauflage: dünnes Edelstahlblech auf Trägerplatte, leichter und häufiger.
- Massive Edelstahlplatte: volle Materialstärke, sehr schwer, sehr teuer, aber nahezu unverwüstlich.
- Massivholz: warme Optik, aber empfindlich gegen Wasser und Kratzer. Benötigt regelmässiges Ölen. Im Neubau selten im Standard enthalten.
-
Küchenfronten
- Laminat / Melaminharz: häufigste Standardoption. Preiswert, robust und pflegeleicht, aber Kanten können mit der Zeit leiden.
- Lackiert: glatte, moderne Optik in matt oder glänzend. Fingerabdrücke sind schneller sichtbar.
- Furnier: dünne Echtholzschicht auf stabilem Träger. Natürliche Optik zu geringeren Kosten als Massivholz.
- Massivholz: selten im Neubau, Premiumoption mit höherem Pflegebedarf.
- Glas / Hochglanz-Acryl: sehr designorientiert, Kratzer fallen aber schneller auf.
- Metallische / Edelstahl-Fronten: starkes Premium-Statement, oft kombiniert mit Edelstahl-Arbeitsplatten für einen professionellen Look. Fingerabdrücke können stören, sofern die Oberfläche nicht gebürstet oder beschichtet ist.
-
Mit Griff oder grifflos
Grifflos-Küchen mit integrierten Griffleisten wirken modern, sind aber weniger ergonomisch. Fingerabdrücke und Abnutzung sind vor allem auf dunklen matten Fronten schneller sichtbar. -
Langlebigkeit und Unterhalt
- Bei Arbeitsplatten bieten Quarzkomposit, Keramik oder Edelstahl die beste Haltbarkeit bei geringem Pflegeaufwand.
- Bei Fronten sind Laminat oder matter Lack praktikabel; Furnier bringt Wärme, verlangt aber mehr Sorgfalt.
Waterfall-Inseln
Eine Waterfall-Insel ist eine Kücheninsel, bei der das Material der Arbeitsplatte nahtlos über die Seiten hinuntergeführt wird und so eine skulpturale, blockartige Wirkung erzeugt. Der Effekt entsteht durch Gehrungsstösse grosser Platten aus Stein, Keramik oder Edelstahl, bei denen Aderungen oder Muster von oben zur Seite weiterlaufen.
- Geeignete Materialien: Quarzkomposit, Dekton oder Naturstein mit markanter Struktur.
- Vorteile: sehr starker visueller Akzent, langlebig, schützt die Schrankseiten vor Wasser und Reinigungsabrieb.
- Zu beachten: aufwendige Fertigung; keramische Gehrungskanten sind empfindlich und beim Transport heikel.
Dieses Design ist in hochwertigen Projekten besonders beliebt, vor allem bei offenen Grundrissen, in denen die Küche als Teil des Wohnraums wahrgenommen werden soll.
Versteckte Küchen
In hochwertigen Wohnungen finden sich zunehmend versteckte Küchenwände mit hohen, fugenarmen Fronten, hinter denen
Geräte und Regale durch Schiebe- oder Taschentüren verborgen werden.
Im geschlossenen Zustand wirkt die Wand wie minimalistischer Einbauschrank; geöffnet erscheint eine vollständige
Küchenarbeitszone.
-
Typische Lösungen sind:
- einziehbare oder faltbare Türen, die seitlich in Taschen laufen
- versteckte Stauraumzonen für Kaffeemaschinen, Mixer oder Geschirr
- integrierte Beleuchtung und Steckdosen hinter den Türen
-
Vorteile:
- hält den Wohnbereich optisch ruhig und aufgeräumt
- ideal für offene Grundrisse und kompakte Wohnungen
Wenn Ihr Upgrade-Budget begrenzt ist, investieren Sie zuerst in eine hochwertige Arbeitsplatte. Sie ist Wasser, Hitze und täglicher Abnutzung ausgesetzt. Küchenfronten lassen sich später eher austauschen, eine Arbeitsplatte zu ersetzen ist dagegen teuer und aufwendig.
Die vollständige Ausgabe 2026 lesen?
Erhalten Sie die komplette PDF- und EPUB-Ausgabe von Huusli mit den vollständigen Kapiteln zu Kaufvertrag, Übergabe, Mängeln und Gewährleistung.