Teil I: Einführung in den Schweizer Immobilienmarkt
Überblick über das Wohneigentum in der Schweiz
1.1 Wohneigentumsquote und Kultur
Die Schweiz hat eine der niedrigsten Wohneigentumsquoten in Europa, mit weniger als 40% der Bewohner, die ihre Hauptwohnung besitzen[1]. Der nationale Durchschnitt lag in den letzten Jahren zwischen 36% und 38%, mit deutlichen Unterschieden zwischen den Kantonen. In städtischen Zentren wie Genf und Basel sind die Quoten noch tiefer, während in ländlichen oder alpinen Regionen (z. B. Wallis, Appenzell) deutlich höhere Eigentumsraten zu finden sind:
Diese eher bescheidene Eigentumsquote steht im starken Kontrast zu Ländern wie Spanien oder Italien, wo Wohneigentum kulturell erwartet wird. In der Schweiz gilt Mieten als praktisch, flexibel und gesellschaftlich akzeptiert. Eine langfristige Mieterschaft ist nicht mit einem Stigma behaftet, wie es in anderen Ländern vorkommt. Viele Mieter geniessen stabile, jahrzehntelange Mietverhältnisse mit starken gesetzlichen Schutzmechanismen, die Mieterhöhungen begrenzen und willkürliche Kündigungen verhindern.
Historisch hat sich dieses Wohnmodell durch eine Kombination mehrerer Faktoren entwickelt:
- Konservative Kreditvergabepolitik, z. B. obligatorische 20% Eigenmittel und einkommensbasierte Amortisation[2].
- Begrenzte bebaubare Flächen, eingeschränkt durch Berge, Seen und strenge Zonenplanung.
- Ein starker Genossenschaftssektor und die Präsenz von gemeinnützigen Bauträgern.
Das Ergebnis: In der Schweiz hat sich eine Wohnkultur etabliert, in der Mieten die Norm ist – kein Kompromiss.
1.2 Warum so viele Schweizer mieten
Die Präferenz fürs Mieten ist nicht nur kulturell geprägt – sie ist auch tief pragmatisch:
- Hohe Immobilienpreise in Städten machen Eigentum für viele Haushalte unerschwinglich.
- Strenge Hypothekenregeln verlangen, dass die gesamten Wohnkosten ein Drittel des Bruttoeinkommens nicht überschreiten dürfen[3].
- Zonenplanung und Baubewilligungen werden streng durch Kantone und Gemeinden kontrolliert, was das Wohnungsangebot verlangsamt.
- Mieterfreundliche Gesetze gewähren starken Schutz, etwa unbefristete Mietverträge und regulierte Mieterhöhungen.
Aus Mietersicht ist das Wohnen in der Schweiz oft modern, professionell verwaltet und gut unterhalten – insbesondere bei Neubauten. Da die Mehrheit der Bevölkerung mietet, besteht ein hoher Marktdruck auf Qualität und Instandhaltung.
Der Schweizer Mietmarkt hat sich so entwickelt, dass er hohen Erwartungen entspricht – attraktiv für Familien, Berufstätige und sogar Rentner.
1.3 Warum es Wohneigentum dennoch gibt
Man könnte sich fragen: Wenn Mieten für Investoren rentabel und für Mieter sicher ist, und wenn Pensionskassen grosse Anteile am Wohnungsbestand besitzen, warum wurde der Markt nicht vollständig von Institutionen absorbiert?
Dafür gibt es mehrere wichtige Gründe:
- Lex Koller, ein Bundesgesetz, beschränkt den Erwerb von Immobilien durch ausländische Personen, ausser wenn strenge Voraussetzungen erfüllt sind (z. B. Wohnsitz oder Nutzung als Hauptwohnsitz)[4].
- Zonenreglemente geben den Gemeinden Spielraum bei Dichte, Bodennutzung und der Frage, ob Gebiete eher Eigentums- oder Mietwohnungen vorbehalten bleiben.
- Manche Kantone wenden Anti-Spekulations-Regeln an, wie z. B. Mindesthaltefristen oder Grundstücksgewinnsteuern, um kurzfristiges „Flipping“ zu verhindern[5].
- Wohnbaugenossenschaften und öffentlicher Bodenbesitz spielen eine schützende Rolle, indem sie Erschwinglichkeit bewahren und Spekulation eindämmen.
Kurz gesagt: Gesetzliche Rahmenbedingungen und politische Instrumente verhindern eine Überkonzentration von Grundeigentum – und schaffen so Raum für privates Wohneigentum, auch in einem mietorientierten Markt.
1.4 Wachsende Eigentumsinteressen bei jüngeren Generationen
Obwohl Mieten dominiert, zeigen aktuelle Trends ein wachsendes Interesse am Eigentum – insbesondere bei jüngeren Doppelverdiener-Haushalten und internationalen Käufern.
Diese Entwicklung wird angetrieben durch:
- Eine lange Phase historisch tiefer Hypothekarzinsen, die Fremdfinanzierungen attraktiver machten.
- Ein postpandemisches Bedürfnis nach Raum, Flexibilität und Autonomie im Eigentum.
- Den langfristigen finanziellen Vorteil von Eigentum gegenüber Miete, besonders in wachsenden Agglomerationen.
- Veränderte Lebensstilwerte – eine Vorliebe für Stabilität und Investitionen in Sachwerte.
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Bundesamt für Statistik (BFS). „Wohneigentumsquote in der Schweiz.“
https://www.bfs.admin.ch ↩︎Standard-Hypotheken verlangen 20% Eigenmittel und Amortisation auf 65% Belehnungswert innert 15 Jahren. Dies wirkt als natürliche Barriere gegen spekulative Käufe. ↩︎
Lokal bekannt als „Ein-Drittel-Regel“: Die Gesamtkosten für Hypothekarzins, Amortisation und Unterhalt dürfen 33% des Bruttoeinkommens nicht überschreiten. ↩︎
Lex Koller (SR 211.412.41) beschränkt Immobilienkäufe durch Ausländer, ausser für den persönlichen Hauptwohnsitz. Zweitwohnungen und Investitionen sind stark eingeschränkt. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Lex_Koller ↩︎
Siehe UBS: Grundstücksgewinnsteuer unter
https://www.ubs.com/ch/de/services/guide/mortgages-and-financing/articles/property-gains-tax.html ↩︎